Arbeits(des)organisation als Klassenkampf von unten

Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus der Broschüre Schriften zum Klassenkampf III. Die Broschüre könnt Ihr für 5-€ (inkl. Porto) über Onlinemarktplatz für Bücher booklooker.de bestellen.

Kampf bei Gate-GourmetStreik bei Gate Gourmet. April 2006

Im vorigen Kapitel haben wir unter anderem die veränderte Arbeitsorganisation bei Gate Gourmet Düsseldorf als verschärften Klassenkampf von oben geschildert. Auf diese extremen Angriffe von Texas Pacific Group auf die ArbeiterInnen bei Gate Gourmet Düsseldorf waren diese durch die nachhaltige Wirkung der Sozialpartnerschafts-Ideologie auf ein Teil der KollegInnen nicht gerade optimal vorbereitet. Doch das durch die kapitalistischen Angriffe veränderte proletarische Sein veränderte auch das Bewusstsein der KollegInnen. Texas Pacific Group und McKinsey als Ausdruck des Krisenkapitalismus zertrümmerten nicht schlecht die gröbsten Auswüchse der Sozialpartnerschaftsideologie bei den ArbeiterInnen. Die Angriffe des Kapitals schufen und verstärkten Klassenbewusstsein.
Gegen diese Angriffe des Kapitals wurde organisierter Widerstand entgegengesetzt. Sowohl unmittelbar sozialökonomisch organisierter in der Küchenabteilung, der alle KollegInnen dieser Abteilung umfasste, als auch vermittelter Organisation, der nicht unmittelbar im Arbeitsprozess erfolgte und KollegInnen verschiedener Abteilungen zur betrieblichen Opposition formierte, sowohl eine legale Opposition im Betriebsrat, die darauf orientierte den Betriebsratsvorsitzenden als offensichtlichen Co-Manager der Betriebsleitung loszuwerden, als auch eine illegale und konspirative Untergrundorganisation. Diesen organisierten Widerstand bei Gate Gourmet werden wir in Schriften zum Klassenkampf IV noch genauer unter die Lupe nehmen.
Doch analysieren wir jetzt den unmittelbaren sozialökonomischen Widerstand in der Küche bei Gate Gourmet. Über die Bedeutung der Küche im Gesamtarbeits-, umstrukturierungs- und Widerstandsprozess bei Gate-Gourmet Düsseldorf können wir im Buch darüber lesen: „In der Produktion wird das Essen auf den Tabletts (Trays) zusammengestellt und abgezählt in die Transportcontainer (Trolleys) verpackt. Von den warmen Essen werden heute nur noch Business-Class und Spezialessen selbst produziert. Die Masse der Essen wird tiefgekühlt angeliefert und von den ProduktionsarbeiterInnen in Ofencontainer verpackt. Die Stückzahlen werden vom Supervisor kontrolliert. Wenn auf der Maschine auffällt, dass ein Essen fehlt, muss nachbestellt und mit dem PKW aufs Vorfeld nachgeliefert werden.
Die Produktion findet in einem Raum statt, aufgeteilt in verschiedene Ecken, die jedoch alle miteinander im Blickkontakt stehen. Die Trays werden von einer Gruppe am Band bestückt. Diese kollektive Arbeitssituation konnten die ArbeiterInnen gegen die McKinsey-Umstrukturierung (…) verteidigen. Um einzelne ArbeiterInnen für die Fehler verantwortlich machen zu können, haben sie Nummern bekommen, mit denen sie unterzeichnen müssen. In der Produktion arbeiten fünfzehn ArbeiterInnen, in zwei Schichten, von 4.30 bis 12.30 und von 13 bis 21 Uhr. Ihr Bereich ist stark standardisiert und kontrolliert.
Anna: ,Bei uns haben die wirklich den Überblick und die Kontrolle. Die Produktionsleitung sitzt direkt eine Etage höher und guckt in die Produktion rein.‘
Bella: ,Wenn ich am Tisch am Arbeiten bin – ich hab‘ meine Schalen da, meine Salate da, die Deckel da, und an der Seite habe ich meine Musteressen, wie immer. Und wenn ich dann so arbeite, mit einer Hand, dann kommt der sofort runter. Der beobachtet mich: ,Mit zwei Händen, so müsst ihr das machen, nicht nur mit einer Hand!‘ Aber vielleicht fällt es mir so leichter? Ich muss mich bewegen! Nicht nur die Hände: Rein damit! Rein damit.‘ (…)
Noch bevor die TPG Ende 2002 den Kauf von Gate Gourmet endgültig vollzogen hatte, schickte sie schon McKinsey in die Düsseldorfer Filiale. Die Unternehmensberater haben im ArbeiterInnenbereich die Arbeitsabläufe durchgemessen, standardisiert, und vereinfacht. Ziel war eine höhere Produktivität, mehr Kontrolle, und die leichtere Ersetzbarkeit der ArbeiterInnen (…).
Achim: ,Über der Produktion sind Hochbüros. Trotzdem war es früher wesentlich schwerer, die Leute zu kontrollieren, weil das Lager nicht so offen war. Die standen da hinter dem Regal, da konnte die keiner kontrollieren. Die Arbeitsstationen stehen frei, da kann man den Mitarbeiter genau beobachten.‘
Die neuen ,Workstations‘ waren nicht nur leichter einsehbar. Die ArbeiterInnen wurden vereinzelt und ihr individuelles Arbeitsergebnis konnte leichter kontrolliert werden. In der Produktion wollte McKinsey die vorhandenen Bänder durch solche Einzelarbeitsplätze ersetzen.
Achim: ,McKinsey wollte vom Bandsystem weg, denn das Bandsystem war Anonymität. Ich konnte keinen festnageln, wer den Fehler gemacht hat, oder an wem es gelegen hat. Das hat immer einer auf den nächsten geschoben. Dann kamen die auf die Idee, diese Workstations einzurichten, wo einer allein für sich arbeitet. Und der hatte auch den ganzen Druck alleine. Heute haben wir nur noch Workstations. Vorher hatten wir ein Durchlaufregal, da standen sieben Mann hinter, und jeder hat eine Schublade von einem Trolley gebaut. Man wusste nie, wer ist schnell und wer ist langsam. Dann hat man die Verantwortung dem Mitarbeiter selber gegeben. Dadurch haben die unheimlichen Druck aufgebaut, und es wurde sofort festgestellt, wenn einer schlecht gearbeitet hat, fehlerhaft gearbeitet hat. Aber das mussten die Leute nachher, weil es gar nicht anders ging. Die Leute haben versucht, Lücken zu suchen, wie sie irgendwie Zeit gut machen können. Der Nachschub war nicht da, die Ware hat gefehlt – also hat der Mitarbeiter sich selber Wege gesucht. Da hat man eben gesagt: ,Da fehlt nur eine Flasche, die anderen drei sind bestimmt voll, da guck ich gar nicht mehr rein.‘ Und dann hat man die Leute abgemahnt.‘
In der Küche wehrten sich die Arbeiterinnen gegen die neuen Arbeitsmethoden. Allgemein gilt das Fließband als die unmenschlichste Form der Fabrikproduktion. In diesem Fall war den Arbeiterinnen klar, dass die Abschaffung des Bandes keinesfalls eine ,Humanisierung‘ für sie bedeuten würde, sondern mehr Arbeit und Vereinzelung. Sie verteidigten ihre kollektive Arbeitssituation.
Anna: ,Die Geschichte mit den Tischen kam, während McKinsey hier war. Erst haben die uns vorgegeben, wie wir das machen sollten. Aber dann haben die gesehen: Das klappt nicht immer, und auch nicht bei jedem. Dann haben die wieder umstrukturiert. Die haben echt alles ausprobiert. Jeden Tag was Neues! Die haben geguckt was schneller läuft, die haben geguckt, womit man mehr hinbekommt. Die wollten die Mitarbeiteranzahl verringern. Die wollten, dass nur ein Auffüller da ist, nur einer durfte rennen, und die anderen sollten an den Tischen stehen und arbeiten. Das war eigentlich deren Ziel. Aber das ist nicht machbar gewesen. Wir wollten, dass jeder die eigenen Sachen ran holt. Wenn nur einer holt, und das acht bis zehn Stunden am Tag, das ist wirklich schwere körperliche Tätigkeit.‘
Clara: ,Du kannst nicht jeden Tag im selben Tempo arbeiten. Am Band ist es ja so, dass jeder teilt. Manchmal gehe ich an die leichten Teile, manchmal gehe ich an die schweren Teile, und man hilft sich gegenseitig. Aber so musst du alles selber ranschleppen. Wenn das Band aufgebaut wird, dann holt jeder eine Sache, und in sieben, acht Minuten ist ein Flieger fertig. Und das dauert am Tisch, von einer Person… vielleicht konnten wir das nicht machen oder vielleicht wollten wir das nicht machen, ich weiß es nicht… das hat bei uns drei oder vier Stunden gedauert, bis wir eine Maschine fertig hatten. Wir haben gesehen, dass das mit den wenigen Leuten so nicht hinhaut. Wir sind höchstens zwanzig Leute! Das war bis zum letzten Punkt, wo wir rausgegangen sind, dass wir höchstens sechs, sieben Leute gewesen sind. Davon zwei feste Mitarbeiter, der Rest Chinesinnen oder Studenten. Wir haben das nicht geschafft. Dann sollten wir zwei, fünf Stunden länger arbeiten. Das haben wir nicht mitgemacht. Wir haben alles stehen lassen und sind nach Hause gegangen. Die haben das Band wieder eingeführt, weil sie eingesehen haben, dass die Maschinen nicht mehr rausgehen.‘
Bella: ,Es gibt Zeitdruck mit den Ladezeiten. Ich war z.B. mal um ein Uhr da, dann hieß es: ,Um 15 Uhr ist Ladezeit, mach‘ mal.‘ Ich hab gesagt, ich schaff das nicht alleine. Da kam die Vorarbeiterin helfen.‘
Anna: ,Die haben das dann selber mitgekriegt, dass das nicht mehr geklappt hat, denn wir haben mittlerweile nicht mehr so mitgezogen. Wenn ein paar Mal die Maschinen Verspätung haben, dann kommt das Band ganz schnell wieder rein.‘
Bella: ,So haben wir die Bänder wieder reingeholt!‘
Anna: ,Man sollte wirklich gegen manche Sachen kämpfen, auch wenn es klein sein mag. Wir wären in einer ganz anderen Situation, wenn wir aus der Produktion nicht dagegen gekämpft hätten. Wir hätten weder ein Band, noch sonst die ganze Situation. Wir haben nicht alles mit uns machen lassen.‘
Nachdem McKinsey aus dem Haus war, ging die Experimentiererei weiter. Letzten Endes haben sich die Frauen durchgesetzt.
Jens: ,Sechs mal ist das Band raus und rein geräumt worden! Ich höre noch den Hausmeister: Jetzt hole ich zum sechsten Mal das Band wieder rein!‘“ (Flying Pickets, …auf den Geschmack gekommen, a.a.O., S. 112-118.)
Leider konnte im größten Arbeitsbereich bei Gate Gourmet Düsseldorf, im Transportbereich, wo 37 festangestellte Fahrer und Belader arbeiten, kein unmittelbarer sozialökonomischer Widerstand gegen die Rationalisierung durchgesetzt werden wie in der Küche. Dieser Bereich ist aber strategisch besonders wichtig, weil die Fahrer das letzte Glied in der Kette des Produktionsprozesses bei Gate Gourmet sind. Sie beliefern die Flugzeuge mit den Essen. Sie können ein Delay (verspäteter Abflug eines Flugzeuges) sowohl verhindern als auch verursachen. Diese strategisch wichtige Rolle der LKW-Fahrer wurde auch während des Streikes vom Oktober 2005 bis April 2006 (den wir in Schriften zum Klassenkampf IV genauer untersuchen werden) deutlich, wo durch Blockadeaktionen der Streikbruch im Transportbereich verhindert werden sollte (wo jetzt die Streikbrecher die LKWs fuhren, die ursprünglichen LKW-Fahrer beteiligten sich am Streik).

…..

Viele ProletarierInnen verändern überall auf der Welt die Arbeitsorganisation inoffiziell durch konspirativ-illegalen Alltagsklassenkampf. Sie erleichtern sich die Arbeit, indem sie Lücken der kapitalistischen Arbeitsorganisation nutzen. Sie erobern sich konkrete Erleichterungen gegen das Schwergewicht der abstrakten geldproduzierenden Arbeit, sie verstoßen gegen die Fabrik- und Bürodisziplin und pfeifen auf die Anordnungen der Bosse und Bonzen. Die Lohnabhängigen erkämpfen für sich Lebensfreude in der Monotonie der Mehrwertproduktion für das Kapital. Jede Minute, die den Bedürfnissen der Kapitalvermehrung abgetrotzt wird für die Bedürfnisbefriedigung der proletarisierten Menschen, ist ein Teilsieg im permanenten Klassenkrieg gegen die Bourgeoisie. Auch wenn der konspirativ-illegale Alltagsklassenkampf allein seine reproduktiven Grenzen nicht sprengen kann, hat er verdammt viele revolutionäre Momente und Tendenzen – wenn diese auch oft vorbewusst-instinktiv sind –, die bewusste SozialrevolutionärInnen aufgreifen können und müssen.
So beschreibt zum Beispiel ein Computerfachmann, wie er und seine KollegInnen ein riesiges Loch in der Kontrolle ausnutzten, um während der Arbeit verdammt viel Spaß zu haben und sich dafür auch noch ordentlich bezahlen zu lassen, folgendermaßen:
„Einmal arbeitete ich kurzfristig für eine bekannte Computerfirma. Wir waren ein Team von zehn Leuten und hatten den Auftrag, für eine heimische Supermarktkette Kassen aus Südkorea umzubauen, 500 Stück. Wir arbeiteten in einem riesigen Lager, vollkommen ohne Aufsicht, eine ganz eigenständige Partie.
Das Erste, was uns unter diesen Gegebenheiten einfiel, war natürlich das betrügerische Stundenschinden. Also machten wir drei Stunden Mittagspause statt einer, dann einmal drei Stunden gar nichts, weil ab 17 Uhr kriegten wir doppelt bezahlt. Meistens blieben wir bis 22 Uhr. Am Abend war außer uns kein Mensch da. Wir hatten eine riesige Lagerhalle zum Spielen zur Verfügung, ganz für uns allein. Wir fuhren mit den Hubstablern um die Wette, hoben uns gegenseitig auf Regale hinauf, oder balancierten auf diesen riesigen, zwei Meter hohen Papierrollen, aus denen sie dann die Kassenrollen schneiden, durch die Halle, zirkusmäßig. Solche Sachen konnten wir stundenlag machen.
Eines Tages entdeckte ein Lagerarbeiter eine Maus. Und die vier, fünf Lagerarbeiter, die da noch arbeiteten und immer mit irgendetwas herumjonglierten, waren auf einmal ganz aufgeregt. Weil Mäuse sind anscheinend eine wirkliche Bedrohung für ein Lager, auch wenn da nur Computer zur Reparatur gelagert sind. Was tun in so einem Fall? In der nächsten Mittagspause kaufte ich 500 Gramm Emmentaler. Den verteilte ich dann am Abend vor dem Nachhausegehen in kleinen Häppchen unter allen Lagerregalen.
Eine Woche machte ich das. Wir erstickten in Mäusen. Die Lagerarbeiter erlegten die Mäuse manchmal, indem sie einfach draufstiegen, so dicht wuselten sie nach meiner Käse-Aktionswoche in der Halle herum.“ (Zitiert nach: Bernhard Halmer und Peter A. Krobath, Lexikon der Sabotage. Betrug, Verweigerung, Racheakte am Arbeitsplatz, Sonderzahl, Wien 2008, S. 14.)
Doch durch den konspirativ-illegalen Alltagsklassenkampf wird nicht nur der Lohn gegen den Mehrwert erhöht und sich Lebensfreude gegen die Monotonie der Arbeit erobert, sondern durch diesen sind Lohnabhängige auch solidarisch mit Kunden „ihrer“ Firmen, wie zum Beispiel aus dem Bericht einer Lagerarbeiterin hervorgeht:
„Vor zwei Jahren arbeitete ich in einer internationalen Kette für Babysachen. Nur für zwei Monate, es war ein Sommerjob. Im Parterre befand sich das Geschäft, im ersten Stock das Lager. Die Firma hatte einen Katalogversand, ähnlich wie die ,Quelle‘. Meine Aufgabe war es, die Bestellungen aus den Regalen zu suchen und einzupacken. Umstandskleider, Strampelhosen, Patschen mit Mäuseohren und dergleichen. Es gab auch größere Sachen, Spielteppiche, Gitterbetten, Kindersitze, Keine leichte Arbeit. Gewichtmäßig, meine ich.
Die Atmosphäre in der Versandabteilung war jedenfalls schrecklich, eine richtige Magenschmerz-Partie. Die zwei Chefs waren ständig nervös und gereizt, fauchten uns immer nur an und trieben zur Eile. Es gab einen streng geregelten Arbeitstag: Um zehn Uhr dreißig fünf Minuten Kaffeepause, gestoppte fünf Minuten, und die Mittagspause dauerte exakt eine halbe Stunde, keine Minute länger. Viel Wichtigtuerei, die im krassen Gegensatz zur Bezahlung stand.
Es war so ein klassischer Untertanen-Betrieb, in dem einen neben dem schlechten Lohn noch das Gefühl gegeben wird, dass man nur ein Idiot ist. Etwas fragen hast du dich gar nicht getraut. Einerseits also ein Dauerstress, andererseits die Arbeit selbst ziemlich langweilig. So langweilig, dass ich schließlich begann auf die Zettel, die den Paketen beigelegt wurden, Botschaften drauf zu schreiben. Kleine Briefe an die Kunden. Meistens schrieb ich ihnen, dass die Firma beschissen ist und dass sie nie mehr etwas von dieser Firma bestellen sollen. Oder, dass die Sachen zu teuer sind. Oder, dass die Qualität schlecht ist. ,Ich kann ihnen nur empfehlen, die Waren umgehend zu retournieren!‘
Das war mir eine gewisse Befriedigung. Ich schrieb meine Botschaft, klebte das Paket zu und musste noch minutenlang lächeln. Ich hasste diese Firma wirklich. Wenn ich nicht meine Briefe geschrieben hätte, wäre ich wahrscheinlich nach zwei Wochen abgesprungen. So aber konnte ich mir sagen: ,Ich arbeite gegen sie und sie müssen mich dafür sogar noch bezahlen.‘ Ich packte brav den teuren Babykram ein und dann kam in irgendeinem Osttiroler Dorf ein Paket an und auf dem Beipackzettel stand: ,Guter Rat einer ehrlichen Mitarbeiterin: Von hier brauchen Sie nichts mehr zu bestellen, diese Firma bescheißt Sie nur.‘
Bei Paketen, die in die nähere Umgebung geschickt wurden, schrieb ich nichts dazu. Da hatte ich Angst, dass die Kunden dann im Geschäft auftauchen. Obwohl mir das egal gewesen wäre. Ich hasste den Verein so sehr, dass ich mir vielleicht sogar wünschte, dass die Chefs draufkommen, dass ich gegen sie arbeite. Es wäre gut gewesen, dort mit einem großen Krach aufzuhören. Aber ich weiß nicht, ob ich dafür die Richtige bin. Wahrscheinlich hätten mich diese Typen in so einer Situation derart eingeschüchtert, dass ich alles abgestritten hätte und dann wären sie doch draufgekommen und es wäre eine dieser Geschichten geworden, an die man sich am besten nicht mehr erinnert.
Da fällt mir noch etwas ein: Kurz bevor ich aufhörte, erzählte mir eine Freundin, dass der Kindersitz, den meine Firma produzierte, bei einem Konsumentenschutz-Test ganz schlecht abgeschnitten hatte, mit einem ,Nicht empfehlenswert‘. Ich fand es im Internet und druckte das Testergebnis gut zwanzig Mal aus. Ich verpackte dann aber nur noch ein einziges Mal einen Kindersitz, bei dem ich es dazulegen konnte. Naja, wenigstens bei dem bin ich mir sicher, dass der wieder zurückgeschickt worden ist.“ (Ebenda, S. 21/22.)
Solidarität spielt auch bei der Schilderung der folgenden Arbeitsdesorganisation durch eine Pharmavertreterin eine große Rolle: „Ich arbeitete viele Jahre als Pharmareferentin. Es war eine Notlösung, nachdem ich im Medizinstudium zwei Mal bei der Anatomieprüfung gescheitert war. Al ich anfing, hatte ich eine recht positive Haltung zur Pharmaindustrie: Ich meinte, die guten Seiten würden die schlechten bei weitem aufwiegen. Doch bald schon merkte ich, dass es umgekehrt war: Diese Industrie engagierte sich nicht für die Gesundheit der Menschen, sondern war ausschließlich am eigenen Profit interessiert.
Das ganze Gerede von Ethik und wie wichtig die Forschung denn sei, war eine einzige Augenauswischerei. Es ging nicht darum, Kranken zu helfen, sondern darum, möglichst teure Produkte möglichst oft zu verkaufen. Diverse Fettsenker zum Beispiel. An solchen Blockbustern wurde geforscht. Für Krankheiten in armen Ländern oder mit wenig Patienten verschwendete man nicht einmal einen Gedanken. Und für Marketing wurde letztendlich weit mehr ausgegeben als für die Forschung.
Ich arbeitete also als Pharmareferentin und beriet Spitäler genauso wie Arztpraxen. Pro Tag absolvierte ich bis zu fünfzehn Besuche. Ich verdiente gut und hasste meinen Arbeitgeber. Mit ersterem hatte ich kein Problem. Aber was konnte ich gegen die Pharmaindustrie tun? Die Dritte Welt mit lebensnotwenigen Medikamenten zu versorgen, stand nicht in meiner Macht. Ich konnte zumindest meine Wut besänftigen, indem ich ein wenig Umverteilung betrieb. Es gab einige Patientengruppen, denen die Krankenkassen die Kosten für sehr teure Medikamente nicht oder nur zu einem geringen Teil ersetzten. Ich bekam jede Menge Ärztemuster und gab die teuren vor allem an Ärzte ab, von denen ich wusste, dass sie arme Patienten behandelten. Ich nahm das praktisch vom Kontingent für die Nobelärzte und Spitäler.
Meine Hauptumverteilung betraf aber die Gratisreisen. Es ist mittlerweile bekannt, dass Pharmafirmen die Ärzte häufig zu Seminaren einladen. Die finden dann interessanterweise in einem Luxushotel auf Kreta oder Hawaii, in Dubai oder in der Karibik statt. Natürlich mit Frau und Kindern, zu einer symbolischen Selbstbeteiligung von 100 Euro. Die eigentliche Informationsveranstaltung dauert dann zwei, drei Stunden und ist eher eine Art Gehirnwäsche als ein Seminar. Aber das Wichtige: Für eine symbolische Verlängerungsgebühr von 100 Euro kann der Arzt und seine Familie noch eine Woche Vollpension dranhängen und kommt so für 200 Euro zu einem tollen 10 000-Euro-Urlaub. Nun wusste ich, dass die werten Primärärzte und Oberärzte für solche Reisen ohnedies keine Zeit hatten, also belästigte ich sie erst gar nicht mit den Einladungen, sondern trug einfach andere Namen auf die Reiselisten und Fluglisten. Für Oberarzt sowieso, in Vertretung sowieso. So schickte ich jahrelang Bekannte, die es brauchen konnten und Familien, die mir befreundete Ärzte ans Herz legten, auf allerbilligste Luxusurlaube. Da waren Leute dabei, die sich sonst überhaupt keinen Urlaub leisten konnten“ (Ebenda, S. 89/90.)
Im oben geschilderten Fall sind die bewusst revolutionären Tendenzen sehr stark ausgeprägt. Die geldproduzierende Arbeit der PharmavertreterInnen reproduziert normalerweise die soziale Ungleichheit der bürgerlichen Klassengesellschaft. Doch die oben beschriebene Arbeitsdesorganisation der Pharmavertreterin verteilte ansatzweise den sozialen Reichtum dieser Gesellschaft um.

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